Cage - aber warum Halberstadt?

Cage - der De-Komponist

John Cage, 1912 in Los Angeles geboren und 1992 kurz vor seinem 80. Geburtstag in New York gestorben, war nie in Halberstadt. Als Schüler von Arnold Schönberg arbeitete er nicht nur als Musiker, sondern auch als Philosoph, bildender Künstler und Sprachartist. Er hat die moderne Musik revolutioniert. Für ihn sind alle Klänge, Töne und Geräusche gleichberechtigt, haben die alle gleiche Würde. Ihn interessierten vor allem die neuen, noch nicht gehörten, überraschenden Klänge. Sein Umgang mit dem Klangmaterial kann man als De-Komposition bezeichnen; die Subjektivität des Komponisten, seine Neigungen und Abneigungen, sollen zurückgenommen werden, deshalb arbeitete er sehr viel mit Zufallsoperationen. Es ging ihm um die Ausschöpfung aller Möglichkeiten formaler und struktureller Beziehungen, um die schillernde Vielfalt des Nichtstrukturierten. Er war an der Einleitung von Prozessen interessiert, deren Fortgang nicht vorhersehbar ist.

Er trat für die Utopie eines nicht-intentionalen, nicht-instrumentellen Lebens, eines einfachen So- und Da-Seins ein, für die Freiheit und die Offenheit. „I am for the birds, not for the cages.“ – was ebenso für das gilt, was wir Stille nennen, die für Cage nur die Abwesenheit von beabsichtigten Klängen bedeutet.

1985 hat Cage für einen Klavierwettbewerb das Stück ASLSP mithilfe von Zufallsoperationen komponiert. 1987 hat er den doppeldeutigen Titel – As SLow aS Possible, aber auch der Verweis auf „Soft morning, city! Lsp!“ aus dem letzten Kapitel von James Joyce‘ Finnegans Wake: as Lsp – zu einem neuen Stück für Orgel umgeschrieben: ORGAN²/ASLSP. Beteiligt war dabei der deutsche Organist Gerd Zacher, dem dieses Stück gewidmet ist. Er hat es im selben Jahr in Metz in etwas über 29 Minuten uraufgeführt. Das Stück besteht aus acht Teilen, von denen jedes gespielt werden muss und jedes wiederholt werden kann. Nichts ist festgelegt – außer der Tonhöhe und der Dauer der Klänge. Eine Klaviersaite verklingt. Die Orgel ist ein Blasinstrument, ein Aerophon, daß den Ton halten kann, solange sie mit Wind versorgt wird. Was also heißt „so langsam wie möglich“ bei einer Orgel? 1998 haben auf der zweiten Tagung für neue Orgelmusik in Trossingen Komponisten, Organisten, Musikwissenschaftler, Orgelbauer, Theologen und Philosophen, von denen einige eng mit Cage zusammengearbeitet haben wie Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn und Hans-Ola Ericsson, mit anderen, die von Cage fasziniert waren, wie Christoph Bossert, Jakob Ullmann und Karin Gastell, die damals u-topische Idee einer Realisierung dieses Stückes, das sich an der Lebensdauer einer Orgel orientiert, entwick

In der Halberstädter Burchardi-Kirche wurde durch die Vermittlung von Johann Peter Hinz zuerst der Ort der Aufführung gefunden. Dann erinnerte man sich, daß Halberstadt schon einmal Orgel- und Musikgeschichte geschrieben hat. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts gab es im Halberstädter Dom die wahrscheinlich erste Großorgel mit einer 12-tönigen Klaviatur. Michael Praetorius – der wichtigste Musiktheoretiker des 17. Jahrhunderts und Komponist des Liedes „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ – hat die Orgel noch, allerdings in einem unbespielbaren Zustand, gesehen. Er beschreibt im zweiten Band seines Syntagma Musicum von 1619 die Blockwerksorgel, deren Prospekt etwa 8 m breit war, mit Pfeifen aus Blei, diese dünn mit Zinn belegt und bemalt, die größten davon 32 Fuß hoch, und mit zweimal 10 Tretbälgen bestückt. Die Fertigstellung dieser Orgel von Nicolaus Faber 1361 gab die Orientierung für die Dauer der Aufführung: Mit der Jahrtausendwende als Spiegelachse wurde die Dauer auf 639 Jahre festgelegt und durch Christoph Bossert und Rainer O. Neugebauer die Klangwechsel des ersten Teils bis 2072 berechnet. Am 5. September 2000, Cage‘s 88. Geburtstag, startete das Projekt in Halberstadt. Ein Jahr später trat der Blasebalg in Aktion, 2003 erklangen die ersten Pfeifen auf der provisorischen Orgel.

2006 war sehr hektisch, es fanden zwei Klangwechsel in einem Jahr statt. Seit 2012 erklingen nur die beiden 16-Fuß-Baßpfeifen c‘ und des‘ – letztere übrigens bis zum Jahr 2071. Ein Sound, der zwischen Maschinenraum und Hamburger Hafen changiert. Am 5. Oktober 2013 wurde das Ganze zu einem Fünfklang ergänzt, der sich fast sieben Jahre lang, bis zu Cage’s 108. Geburtstag im Jahr 2020, nicht geändert hat. Am 5. September 2020, wiederum an einem Cage-Geburtstag, hieß es "5to7". Die Orgel erhielt in einem feierlichen Akt des Klangwechsels, zwei weitere Orgelpfeifen. So, wie es die Partitur vorgibt.

As SLow aS Possible

So langsam wie möglich

1985 hat Cage für einen Klavierwettbewerb das Stück ASLSP mithilfe von Zufallsoperationen komponiert. 1987 hat er den doppeldeutigen Titel – As SLow aS Possible, aber auch der Verweis auf „Soft morning, city! Lsp!“ aus dem letzten Kapitel von James Joyce‘ Finnegans Wake: as Lsp – zu einem neuen Stück für Orgel umgeschrieben: ORGAN²/ASLSP. Beteiligt war dabei der deutsche Organist Gerd Zacher, dem dieses Stück gewidmet ist. Er hat es im selben Jahr in Metz in etwas über 29 Minuten uraufgeführt. Das Stück besteht aus acht Teilen, von denen jedes gespielt werden muss und jedes wiederholt werden kann. Nichts ist festgelegt – außer der Tonhöhe und der Dauer der Klänge. Eine Klaviersaite verklingt. Die Orgel ist ein Blasinstrument, ein Aerophon, daß den Ton halten kann, solange sie mit Wind versorgt wird. Was also heißt „so langsam wie möglich“ bei einer Orgel? 1998 haben auf der zweiten Tagung für neue Orgelmusik in Trossingen Komponisten, Organisten, Musikwissenschaftler, Orgelbauer, Theologen und Philosophen, von denen einige eng mit Cage zusammengearbeitet haben wie Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn und Hans-Ola Ericsson, mit anderen, die von Cage fasziniert waren, wie Christoph Bossert, Jakob Ullmann und Karin Gastell, die damals u-topische Idee einer Realisierung dieses Stückes, das sich an der Lebensdauer einer Orgel orientiert, entwickelt.

Halberstadt

Halberstadt St. Burchardi

In der Halberstädter Burchardi-Kirche wurde durch die Vermittlung von Johann Peter Hinz zuerst der Ort der Aufführung gefunden. Dann erinnerte man sich, daß Halberstadt schon einmal Orgel- und Musikgeschichte geschrieben hat. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts gab es im Halberstädter Dom die wahrscheinlich erste Großorgel mit einer 12-tönigen Klaviatur. Michael Praetorius – der wichtigste Musiktheoretiker des 17. Jahrhunderts und Komponist des Liedes „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ – hat die Orgel noch, allerdings in einem unbespielbaren Zustand, gesehen. Er beschreibt im zweiten Band seines Syntagma Musicum von 1619 die Blockwerksorgel, deren Prospekt etwa 8 m breit war, mit Pfeifen aus Blei, diese dünn mit Zinn belegt und bemalt, die größten davon 32 Fuß hoch, und mit zweimal 10 Tretbälgen bestückt. Die Fertigstellung dieser Orgel von Nicolaus Faber 1361 gab die Orientierung für die Dauer der Aufführung: Mit der Jahrtausendwende als Spiegelachse wurde die Dauer auf 639 Jahre festgelegt und durch Christoph Bossert und Rainer O. Neugebauer die Klangwechsel des ersten Teils bis 2072 berechnet. Am 5. September 2000, Cage‘s 88. Geburtstag, startete das Projekt in Halberstadt. Ein Jahr später trat der Blasebalg in Aktion, 2003 erklangen die ersten Pfeifen auf der provisorischen Orgel. 2006 war sehr hektisch, es fanden zwei Klangwechsel in einem Jahr statt. Seit 2012 erklingen nur die beiden 16-Fuß-Baßpfeifen c‘ und des‘ – letztere übrigens bis zum Jahr 2071. Ein Sound, der zwischen Maschinenraum und Hamburger Hafen changiert. Am 5. Oktober 2013 wurde das Ganze zu einem Fünfklang ergänzt, der sich fast sieben Jahre lang, bis zu Cage’s 108. Geburtstag im Jahr 2020, nicht geändert hat.

Am 5. September 2020, wiederum an einem Cage-Geburtstag, galt "5to7". Die Orgel erhielt in einem feierlichen Akt des Klangwechsels, zwei weitere Orgelpfeifen, zu den vorhandenen 5. So, wie es die Partitur vorgibt.