Ein "ver-rücktes" Projekt

Zur Musikgeschichte Halberstadts gehört auch ein ganz „ver-rücktes“ Projekt, nämlich eine auf 639 Jahre angelegte Realisierung des Orgelstückes ORGAN²/ASLSP des amerikanischen Komponisten und Avantgardekünstlers John Cage (1912-1992). Ver-rückt in der Bedeutung „nicht am üblichen Platz befindlich“ ist dieses Projekt, weil es die herkömmlichen Erwartungen der Musikfreunde an ein Konzert, etwa an Melodie und Rhythmus oder auch es im Ganzen zu Ende hören zu können, nicht erfüllt.

Aber man kann mit offenen Ohren und mit offenem Geist in der fast tausend Jahre alten Burchardi-Kirche seit Beginn des 3. Jahrtausends eine Zeit- und Klangerfahrung ganz eigensinniger Art erleben. Ein wahrhaft transepochales Zeit-Stück, einen Klang-Raum mit erlebter Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein weltweit anerkanntes Referenzprojekt moderner Musik und Kunst, das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt.



Die Zeit bis zum Ausklang im Jahr 2640



Klang

Manche Besucher sehen aufgrund der in der Kirche angebrachten datierten Spendertafeln, nur einen skurrilen Indoor-Friedhof mit Musik. Andere entdecken an den Wänden die Spuren von mehr als 639 Jahren Vergangenheit, erkennen in der Klang-Skulptur die gleichsam graphische Notation der jeweiligen wenigen Töne und hören einen höchst diffizilen und im Raum changierenden Klang. Manch einer hat das Gefühl, ein Stück Ewigkeit zu erfahren. Die Muße und sanfte Gelassenheit, mit der viele Hörer die unnachahmlichen Klänge aufnehmen, hat oft etwas Meditatives.



Zeit

Darüber hinaus fasziniert die meisten Besucher der philosophisch-optimistische Umgang mit der Zeit und mit der Zukunft. In einer Gegenwart, in der Viele bis zur Erschöpfung von Termin zu Termin hetzen, man also buchstäblich keine Zeit hat, wird ein Projekt begonnen, dessen Dauer in etwa der Gesamtbauzeit des Kölner Domes entspricht. Klänge, die Monate oder Jahre andauern, vermitteln ein Gefühl der Zeitlosigkeit oder des Anhaltens der Zeit. Das Kontinuum der Zeit und der Geschichte scheint aufgesprengt, ohne daß auf Uhren geschossen wurde. Mit Walter Benjamin könnte man von einer Gegenwart sprechen, die nicht Übergang ist, sondern in der die Zeit einsteht und zum Still-Stand gekommen ist.



Raum

Wenn dieses Projekt, wie es heute geplant ist, bis zum Schluss realisiert wird, dann hat zumindest das Gebäude der ehemaligen Burchardi-Kirche am 4. September 2640 einen so langdauernden Frieden erlebt wie noch nie zuvor in der Geschichte.



Offene Fragen

Die Stifter-Tafel 2085 nimmt es vorweg: "WE DID IT OUR WAY":

 

Was hätte Cage zum Halberstädter Projekt gesagt? Man kann bestenfalls spekulieren. Cage – immer radikal, niemals konsequent – hat auf den Vorwurf, seine Stücke seien zu lang, geantwortet, daß er selbst für sein berühmtes stilles Stück 4' 33'' (Vier Minuten 33 Sekunden), dessen drei Sätze mit „Tacet“ überschrieben sind, „a very long performance“ für nötig hielt. Aber: Sind hunderte von Jahren selbst für ASLSP nicht etwas zu lang? Ist es gar, nach Gerd Zacher, nur ein auf einen Gag reduzierter Jahrhundertespuk?

Über diese und andere Fragen streitet die Nach- und Fachwelt lustvoll. Ist der künstlerische Ansatz nicht ein wenig dürftig? Wie genau werden die Zeitpunkte der Klangwechsel berechnet? Müssten die Klangwechsel selbst nicht ebenso gedehnt werden wie die Klänge? Durfte man die „Pause“, mit der das Stück beginnt, einfach beenden? Kann man zunächst ohne Orgel und dann mit einem unvollständigen, provisorischen Instrument überhaupt eine Aufführung anfangen? Was ist, wenn wir vor lauter Ungeduld zu schnell gespielt haben und der Zeit 11 Monate voraus sind? Darf man das später durch langsameres Spielen kompensieren? Was heißt dann langsamer als „as slow as possible“? Was ist, wenn das Konzert unterbrochen wird, weil der Blasbalg ausfällt? Wer sind eigentlich die Musiker bei diesem Konzert? Ist es überhaupt ein Konzert, wenn oft keine Hörer anwesend sind? Jeden Abend, wenn die letzten Besucher gegangen sind, heißt es dann: Die Kirchtür zu und alle Fragen offen! Cage hätte sich gefreut, er liebte Fragen: „That is a very good question. I should not want to spoil it with an answer.

Die New York Times fand im Jahr 2006 etwas typisch Deutsches an diesem Projekt, nämlich, daß es noch da ist. Und das ist nicht selbstverständlich, denn das Geld ist gerade für ambitionierte und avantgardistische Kunst und Kultur knapp. Getragen wird das Projekt von einer privaten Stiftung, die mit minimalem Grundkapital ausgestattet ist und rein ehrenamtlich geleitet wird, und es lebt in erster Linie von der Spendenbereitschaft der Cage-Enthusiasten, privater Förderer und der vielen Besucher. Eine John-Cage-Akademie mit ihrem Gründungspräsidenten Dieter Schnebel befindet sich im Aufbau. Viele Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Seminare in Kooperation mit Musikhochschulen aus dem In- und Ausland, Meisterkurse mit der Verleihung des Cage-Preises und wissenschaftliche Tagungen mit internationaler Beteiligung sind dazu stark beachtete Vorarbeiten.

Für die einen wurde in St. Burchardi ein musikalisches Apfelbäumchen gepflanzt, für die anderen ist es eine musikalische Flaschenpost nach der Idee eines amerikanischen Anarchisten, der dem Zen-Buddhismus nahestand. ORGAN²/ASLSP ist ein gleichzeitig radikales, irritierendes, offenes und äußerst sanftes Kunst-Projekt, „…’s geht über Menschenwitz … des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen.“ Ein Traum so seltsam angezettelt. Eine ehemalige Klosterkirche als Klang(t)raum, das mehr als 639 Jahre Vergangenheit sichtbar werden lässt und mit der Kraft der Ernst Bloch’scher Hoffnung für mehr als 639 Jahre Zukunft gefüllt ist.